Longevity – Qualität vor Quantität
Wir leben im Zeitalter der Gesundheitsoptimierung. Mit Null-Toleranz wird auf Alkohol verzichtet, gesättigte Fettsäuren und Zucker werden verteufelt und der eigene Schlaf mit Fitnessuhren getrackt. Der übertriebene Fokus auf sich selbst führt bei vielen Menschen zu Orthosomnie – der Angst in der Nacht nicht perfekt zu schlafen. Leiden auch Sie darunter? Dann kommen Sie in unser nächstes Trainingsweekend. Da werden Sie von dieser Angst ganz sicher geheilt.
Helle Halle
Das Trainingsweekend fand auch dieses Jahr wieder auf der Sportanlage Munot statt und aus Effizienzgründen übernachteten die Turnerinnen und Turner gleich in der Turnhalle am Boden. Um sicherzustellen, dass niemand seinen Schlafplatz verfehlt, verfügte der grosszügige Schlafraum über ein ausgeklügeltes Beleuchtungskonzept: Bei jeder noch so kleinen Bewegung erstrahlten die Flutlichter eines Industriehafens und eines Grenzbahnhofes aus DDR-Zeiten gleichzeitig. Spätestens als ab 5 Uhr morgens der Wecker eines tauben Turners für zwei Stunden ungehindert vor sich hin lärmte, war auch denjenigen ohne teure Sportuhr klar, dass sie wohl nicht perfekt geschlafen hatten.
Weil ich es mir wert bin
Das Trainingsweekend ersetzte aber auch tagsüber alle modernen Wellnessangebote. Wer braucht schon überteuerte Kyro-Kältekammern, Hormon-Yoga für Männer oder einen Cortisol-Detox. Bei uns kriegt man ein hautstraffendes Peeling beim Weitsprung in den kalten und nassen Sand, der Hammam-Stein wird geworfen anstatt nur faul darauf rumzusitzen und für einen Hauch Exotik wurden kenianische Intervalltrainings absolviert. Und auch für die Seele wurde was geboten: Warum die Füsse auf dem Jakobsweg breitlatschen, wenn man einfach mit dem Auto nach Büs(s)ingen am Hochrhein fahren kann, um beim Kugelstossen seine Sünden loszuwerden. Feststeht: Wer nicht länger, aber intensiver leben will, für den ist das Trainingsweekend alternativlos! Ganz nach dem Motto: Wer regelkonform lebt sieht auch regelkonform aus.
Wo die Langlebigkeit hinführt
Am Samstagabend genossen wir ein Abendessen im Pflegeheim Schönbühl. Dabei erlebten wir das wirksamste aller sozialen Schmiermittel in Aktion – und gemeint ist nicht WD-40. Der süsse Trunk half dabei, den Umstand auszuhalten, dass wir in einem Altersheim Lotto spielten. Und für alle Philosophie-Fans unter uns hat sich beim Versuch, auf Appenzeller-Schnäpse zu verzichten, auch gleich die uralte Frage nach der Existenz des freien Willens geklärt: Es gibt ihn nicht.
Am Sonntag wurde trotz der kurzen Nacht noch einmal ordentlich trainiert. Der Abschluss bildeten eine 800m-Laufeinheit auf der Rundbahn und ein Volleyball-Turnier in der Halle. Vielen Dank an die OTs und alle Leiterinnen und Leiter für die intensiven Trainings. Hopp Seuzi!
Stefan Frey